Interview Wolfgang Oster, VDB-Physiotherapieverband
Heilmittel

Wolfgang Oster (VDB): „Es ist nicht belegt, dass die Vollakademisierung einen Beruf attraktiver machen wird“

Wir sprachen mit Wolfgang Oster vom VDB-Physiotherapieverband darüber, warum er in der Therapeuten:innenausbildung die Teilakademisierung vorzieht.

Zu den Verfechtern der Teilakademisierung gehört auch der VDB-Physiotherapieverband. Wir sprachen über das Thema mit dem Diplom-Medizinpädagogen und Physiotherapeuten Wolfgang Oster. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender des VDB-Physiotherapieverbandes sowie Geschäftsführer des BFW Mainz, einer inklusiven beruflichen Rehabilitationseinrichtung für behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen sowie nicht behinderter Schüler:innen und leitet mehrere Berufsfachschulen für Gesundheitsfachberufe.

Herr Oster, ganz allgemein wird die Vollakademisierung als Möglichkeit gesehen, die Therapieberufe wieder attraktiv zu machen. Eine hochschulische Ausbildung als Mittel gegen den Fachkräftemangel. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Oster: Es ist nicht belegt, dass die Vollakademisierung einen Beruf attraktiver machen wird. Es geht nicht um die Art der Qualifizierung, sondern es geht um ganz andere Skills, die Berufe attraktiver machen. Schüler:innen schauen nicht danach, welchen vermeintlichen Mehrwert ein Studiengang als Selbstzweck bietet, sondern unter welchen Bedingungen man später bis zu 40 Jahren arbeiten wird. Wie schaut es mit den Arbeitszeiten, mit Arbeitsbelastung und mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus? Wie sieht das mit der Vergütung und der Wertschätzung aus? Wie mit beruflicher Autonomie? Und genau da müssen wir ansetzen, um Berufe attraktiv zu machen. Und nicht bei der Frage nach der Form der Qualifizierung.

Außerdem brechen bei einer vollständigen Akademisierung alle diejenigen weg, die keine Hochschulzugangsberechtigung haben. Und das wird den Fachkräftemangel deutlich verstärken! Über 60 % der Schüler:innen an den Berufsfachschulen in freier Trägerschaft haben diese nicht.

Ihr Verband, der VDB-Physiotherapieverband, sagt, dass es in der Branche einen Bedarf von 10 bis 20 Prozent akademisch ausgebildeter Physiotherapeuten gibt. Wieso sehen die einen es als bedeutsam an, dass sämtliche Therapeuten eine Hochschulausbildung haben, die anderen aber 10–20 % ausreichend finden?

Wolfgang Oster: Grundsätzlich sind wir sind ja nicht gegen die Akademisierung. Sie ist notwendig! Und hierbei orientieren wir uns an der Empfehlung des Wissenschaftsrates. Dieser hat der Politik empfohlen, dass es in den Gesundheitsfachberufen – und explizit in der Physiotherapie – einen Bedarf an akademisch ausgebildetem Personal von 10 bis 20 Prozent besteht. Wir sehen natürlich, dass beispielsweise ein Bedarf an Forschung besteht. Und nur Physiotherapeut:innen selbst können Forschung betreiben, die Physiotherapie betrifft. Es hat keinen Sinn, dass Ärzte dies für unsere Berufsgruppe tun. Und auch in der Lehre brauchen wir akademisch qualifiziertes Personal und auch in der in den Leitungsfunktionen. Und deswegen teilen wir diese Einschätzung des Wissenschaftsrats.

Aber ist es nicht so, dass diese Akademisierungsquote schon recht veraltet ist? Der Wissenschaftsrat hat seine Empfehlung 2012 ausgesprochen.

Wolfgang Oster: Aktuell gibt es gerade erst wenige Prozent akademisch qualifizierter Physiotherapeut:innen. Wir werden noch eine Weile brauchen, bis wir die empfohlenen 10 bis 20 Prozent erreichen werden. Und ich kenne keine wissenschaftliche Studie – mal von irgendwelchen Positionspapieren abgesehen – die nachweisen, dass sich diese Zahl mittlerweile geändert hat. Deswegen sind wir auch weiterhin für die Teilakademisierung. Weil wir in den nächsten Jahren erst einmal versuchen müssen, diese 20 Prozent zu erreichen. Und solange wir noch weit weg von diesem Wert sind, macht es keinen Sinn, aus dem Bauch heraus zu argumentieren, wir bräuchten eine weit höhere Akademisierungsquote.

Denn es sind über 80 % der Berufsangehörigen, die nicht in der Forschung, in Unikliniken oder in einem wissenschaftlich begleiteten Reha-Klinikum arbeiten werden. Sondern in einer ganz normalen Praxis. Da geht es tatsächlich um die Patienten:innenversorgung. Da geht's um Hands on.

Ein guter Vergleich ist übrigens die Debatte um die Akademisierung des Handwerks Ende der 1990er. Ich will jetzt nicht Therapeut:innen mit Handwerker:innen vom Versorgungsauftrag gleichsetzen, aber die Diskussion war vergleichbar. Da hat man beobachtet, wie in ganz Europa Elektriker:innen und dergleichen akademisch ausgebildet werden und dachte sich, das müssten wir in Deutschland ebenfalls tun. Gott sei Dank hat man sich dagegen entschieden. Das, was in Belgien oder in Italien gemacht wird, ist gar nicht unsere Messlatte. Sondern es ist unsere duale Ausbildung von Handwerker:innen und da beneidet uns die ganze Welt drum.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Demnächst im DMRZ.de-Blog: Der 2. Teil des Interviews mit Wolfgang Oster!

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