Wolfgang Oster, VDB-Physiotherapieverband
Heilmittel

Wolfgang Oster (VDB): „Die deutsche Berufsausbildung muss reformiert werden“

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Wolfgang Oster vom VDB-Physiotherapieverband sprachen wir unter anderem über Ausbildungsstandards im Ausland.

Im ersten Teil unseres DMRZ.de-Interviews mit Wolfgang Oster, dem stellvertretenden Vorsitzenden des VDB Physiotherapieverband, sprachen wir über die Gründe, die für eine Teilakademisierung sprechen. Lese hier nun die Fortsetzung des Interviews mit Physiotherapeut und Diplom-Medizinpädagoge Wolfgang Oster. Er ist Geschäftsführer des BFW Mainz, einer inklusiven beruflichen Rehabilitationseinrichtung für behinderte oder von Behinderung bedrohte Menschen sowie nicht behinderter Schüler:innen, und leitet mehrere Berufsfachschulen für Gesundheitsfachberufe.

Herr Oster, aus der Sicht der Befürworter der Vollakademisierung wäre es für sämtliche Therapeuten unerlässlich, auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu arbeiten und sich kritisch mit Versorgungskonzepten auseinanderzusetzen. Und das ginge nur an Hochschulen. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Oster: Zunächst einmal: Es ist dringend erforderlich, dass die Curricula und das Berufsgesetz, die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sehr schnell und nachhaltig reformiert werden. Das Berufsgesetz ist von 1994! Das ist nicht nur pädagogisch veraltet, sondern vor allem auch inhaltlich.

Aber wichtig ist auch, dass das wissenschaftliche Evaluieren nicht die Bedeutung bekommt wie die eigentliche berufliche Tätigkeit der Physiotherapie. Wie schon gesagt: Für über 80 % der Physiotherapeut:innen geht es in den niedergelassenen Praxen darum, dass sie Patient:innen versorgen und bekommen auch nur das vergütet. Was nützt es mir, wenn ich eine Praxis mit einem festen Patienten:innenstamm habe und wenn ich in meiner Freizeit zusätzlich evaluiere und dokumentiere? Das passt nicht zum Vergütungssystem unseres Gesundheitssystems. Ich glaube, wir müssen erst über die Rahmenbedingungen sprechen und diese auch fixieren, bevor wir über die Veränderung von Ausbildungsstrukturen reden.

Zu den Rahmenbedingungen zählt auch die Wertschätzung die der Branche der Physiotherapeut:innen entgegen gebracht wird. Wäre denn die Vollakademisierung nicht die Chance eine höhere Wertschätzung zu erhalten? Und mit anderen Beteiligten im Gesundheitssystem – vor allem Ärzten – mehr auf Augenhöhe zu arbeiten?

Wolfgang Oster: Das mit der Augenhöhe ist aber auch so ein typisches, nicht bewiesenes Totschlagargument. Das ist aus meiner Sicht schon ein wenig lächerlich. Zu glauben, dass irgendein:e Ärzt:in gegenüber einem:einer Therapeut:in eine höhere Wertschätzung hat, weil diese:r einen Bachelor hat … Das glaube ich bei bestem Willen nicht. Dafür bräuchte es vor allem eine komplett andere Struktur der hochschulischen Ausbildung. Dann müsste die Physiotherapie schon ein Studiengang an einer medizinischen Hochschule sein. Und nicht ein Studiengang wie so oft an einer Hochschule mit eher einem sozialwissenschaftlichen Hintergrund.

Ist es auch ein „Totschlagargument“, dass sich die Heilmittelberufe im Falle der Teilakademisierung in zwei Klassen spalten wird?

Nicht die Art der Qualifizierung macht den Unterschied, sondern die Art der beruflichen Tätigkeit. Bereits in Universitätskliniken oder in großen Rehazentren gibt es Leitungskräfte, die aufgrund ihrer Tätigkeit anders vergütet werden als die Physiotherapeut:innen, die auf Station direkt am Bett oder in der Therapieabteilung arbeiten. Die berufliche Profession macht den Unterschied.

Nach der Auffassung der Befürworter der Vollakademisierung sollen aber alle akademisches Wissen und Verständnis mitbringen – auch jene, die „nur“ am Patienten arbeiten.

Wolfgang Oster: Ja, aber wer genau sagt denn das? Das sagen doch nicht die, die mit ihrer bisher ja auch qualifizierten Arbeit die Patienten versorgen und die Patien:innen auch nicht. Sondern das sagen jene, die akademisch ausbilden wollen. Wir vom VDB vertreten die Selbstständigen, bei denen die ausgebildeten Therapeut:innen nachher arbeiten werden. Und die sagen so etwas mit Sicherheit nicht in dieser Stringenz. Außerdem kann eine reformierte berufsfachschulische Ausbildung dies auch in ausreichendem Maß vermitteln – bei gleichzeitiger besserer fachpraktischer Qualifizierung.

Die hochschulische Ausbildung ist international und vor allem in der EU Standard. Wie kann bei einer Teilakademisierung sichergestellt sein, dass man mit den Kollegen aus dem Ausland mithält? Und wie können ausländische Anerkennungsverfahren trotz Teilakademisierung in Deutschland optimiert werden?

Wolfgang Oster: Nun, das kann uns doch erstmal egal sein, was im Ausland gemacht wird. Es darf nicht Aufgabe der Bildungspolitik sein, für einige Berufskollegen, die vielleicht aufgrund ihres persönlichen Lebensplanung ins Ausland wollen, das komplette bewährte Bildungssystem zu verändern. Also mir leuchtet dieses Argument mit dem Ausland wirklich nicht ein.

Denn mal ein anderes Beispiel: An unserer Schule wird derzeit zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit ein Projekt durchgeführt, bei dem akademisch ausgebildete Physiotherapeut:innen, die aus Südeuropa nach Deutschland kommen, nachgeschult werden. Und zwar vor allem im Bereich der beruflichen Praxis. Also so schlecht kann die deutsche Physiotherapie-Ausbildung ja nicht sein. Wir brauchen uns da nicht verstecken. Und trotzdem sage ich weiterhin: Die deutsche Berufsausbildung muss reformiert werden, sie entspricht nicht mehr den modernen pädagogischen und inhaltlichen Anforderungen. Ist dies geschehen, dann wird sie noch mehr eine europäische Erfolgsgeschichte.

Vielen Dank für das Gespräch.

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