Pflege

Explodierende Pflegekosten (1) Was Pflegeeinrichtungen jetzt wissen müssen

Sozialhilfe-Ausgaben steigen um 14,8 Prozent – Pflegeeinrichtungen spüren die Auswirkungen direkt in der Praxis.

Die Zahlen sind alarmierend: Das Statistische Bundesamt meldete letzte Woche, dass die Ausgaben für Sozialhilfeleistungen im Jahr 2024 um 14,8 Prozent auf 20,2 Milliarden Euro gestiegen sind. Besonders dramatisch entwickelten sich die Kosten für die „Hilfe zur Pflege“ – sie kletterten um 17,7 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro. Für Pflegeeinrichtungen aller Art bedeutet das konkret: längere Wartezeiten bei Anträgen, steigende Außenstände und wachsende Finanzierungsprobleme.

Warum die Kostensteigerung alle Pflegeeinrichtungen betrifft

Die gestiegenen Sozialhilfe-Ausgaben sind kein abstraktes Problem der Kommunen, sondern haben direkte Auswirkungen auf die tägliche Arbeit von Pflegeeinrichtungen. Immer mehr Pflegebedürftige sind auf die „Hilfe zur Pflege“ angewiesen, weil ihre Rente und andere Leistungen nicht ausreichen, um die steigenden Pflegekosten zu decken. Das betrifft ambulante Pflegedienste genauso wie Tagespflegen, Betreuungsdienste oder Anbieter von Intensivpflege.

Der Arbeitgeberverband Pflege (AGVP) verdeutlichte in einer Pressemitteilung vom 13. August das Ausmaß: Die durchschnittlichen Eigenanteile sind auf 3.108 Euro monatlich gestiegen. Der Verband stellte klar: „Eine Entlastung der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen um über 1.000 Euro pro Monat ist möglich, wenn die Politik es will.“

 

Konkrete Folgen für Pflegeeinrichtungen

Die Auswirkungen zeigen sich in der Praxis dramatisch. Aktuelle Umfragen belegen: 43 Prozent aller Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen beantragen mittlerweile Sozialhilfe, 32 Prozent warten noch auf Zahlungen. Bei 94 Prozent der Wartenden dauert es länger als sechs Monate, bei 30 Prozent sogar über zwölf Monate.

Alle Pflegeeinrichtungen trifft das gleichermaßen: Sie müssen die Leistungen vollständig vorfinanzieren, ohne zu wissen, ob und wann die Kostenübernahme erfolgt. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) berichtete bereits 2023 über „skandalöse Zustände“ in ostdeutschen Regionen, wo zu Hause versorgte Pflegebedürftige bis zu neun Monate auf Kostenübernahmen warteten.

 

Wenn Sozialämter Pflegeheime in Bedrängnis bringen

Wie prekär die Situation ist, zeigt ein aktueller Fall: Das Seniorenheim Spiegelhof in Baden-Württemberg musste im Juli 2025 einen Bewohner entlassen, weil das Sozialamt Heilbronn seinen Antrag auf „Hilfe zur Pflege“ seit über einem Jahr nicht bearbeitet hatte. Die aufgelaufenen Kosten: über 12.000 Euro. Geschäftsführer Alexander Flint warnte: „Was wir aktuell erleben, ist keine bürokratische Verzögerung mehr – es ist eine systematische Aushöhlung des pflegerischen Versorgungsnetzes.“

Das Beispiel ist kein Einzelfall. Allein im Seniorenheim Spiegelhof leben sechs weitere Bewohner, bei denen die Kostenübernahme seit Monaten aussteht oder nur teilweise erfolgt. Die Belastung summiert sich schnell auf fünfstellige Beträge.

Warum die Bearbeitung so lange dauert

Die Gründe für die verzögerte Bearbeitung sind vielfältig und betreffen alle Sozialämter bundesweit:

  • Extremer Personalengpass in den Sozialämtern

  • Veraltete, papierbasierte Bearbeitungsprozesse

  • Steigende Anzahl der Anträge durch mehr Pflegebedürftige

  • Fehlende technische Ausstattung und hohe Mitarbeiterfluktuation

Wie wir im Juni im DMRZ-Blog berichtet hatten, brachte eine bundesweite Umfrage des ARD-Magazins Report Mainz unter Sozialämtern erschreckende Ergebnisse: 27 Prozent der Ämter benötigen mehr als sechs Monate bis zu einem Jahr für die Bearbeitung. Fünf Prozent gaben sogar Bearbeitungszeiten von weit über zwölf Monaten an.

 

Liquiditätsprobleme gefährden Versorgung

Für Pflegeeinrichtungen bedeuten monatelange Wartezeiten eine massive Belastung der Liquidität. Ob ambulanter Pflegedienst, Tagespflege oder Betreuungsdienst – alle müssen ihre laufenden Kosten täglich decken, auch wenn die Refinanzierung auf sich warten lässt. Personal, Fahrzeuge, Miete und Verwaltung laufen weiter, während die Einnahmen ausbleiben.

Der Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland (VdDD) berichtete Ende Juli 2025 in einer Pressemitteilung, dass sich die Außenstände bei mehreren großen Pflegebetreibern bereits auf einen zweistelligen Millionenbetrag summieren. VdDD-Vorsitzender Dr. Ingo Habenicht stellte klar: „Dies kann aber nicht zulasten der Träger und letztendlich der Versorgungssicherheit gehen.“

 

Was das für die Pflegebranche bedeutet

Die Entwicklung hat konkrete Auswirkungen auf alle Pflegeeinrichtungen:

  • Verschärfte Auswahl der Patienten: Manche Einrichtungen nehmen nur noch Patienten mit gesicherter Finanzierung auf

  • Erhöhter Verwaltungsaufwand: Mehr Zeit für Anträge und Nachforderungen bei allen Kostenträgern

  • Liquiditätsengpässe: Vorfinanzierung wird zur Existenzbedrohung

  • Personalprobleme: Weniger Mittel für Lohnerhöhungen und Weiterbildung

Diese Problematik kennen viele Leitungen von Pflegeeinrichtungen aus eigener Erfahrung. Die monatelangen Wartezeiten belasten nicht nur die Pflegebedürftigen und ihre Familien, sondern gefährden auch die wirtschaftliche Stabilität der gesamten Pflegebranche.

Besonders betroffen: Kleinere Anbieter

Während große Pflegekonzerne durch ihre Größe noch eine Zeitlang Außenstände verkraften können, trifft es kleinere ambulante Dienste und Tagespflegen besonders hart. Sie haben oft nicht die finanziellen Reserven, um monatelange Ausfälle zu kompensieren. Bernd Meurer, Präsident des bpa, brachte es in Report Mainz auf den Punkt: „Eine Bearbeitungszeit von neun Monaten bedeutet im konkreten Fall, dass neun Monate die Gelder fehlen, um das Personal zu bezahlen und dass ich das als Einrichtungsträger vorfinanzieren muss.“

Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich: Das System der Pflegefinanzierung ist am Limit. Welche konkreten Lösungsvorschläge Politik und Verbände diskutieren und was Pflegeeinrichtungen von der neuen Bundesregierung erwarten können, lesen Sie in unserem nächsten Blogartikel.

 

Die aktuellen Zahlen zur Sozialhilfe beim Destatis

 

Alle Sozialleistungen für Pflegebedürftige auf einen Blick

 

Allgemeiner Hinweis: Unsere Blogartikel dienen lediglich zur Information und bieten einen Überblick über das Thema. Trotz sorgfältiger Recherche und Prüfung können wir keine Garantie auf Richtigkeit oder Vollständigkeit der Informationen und Daten übernehmen. Konkrete Informationen findest Du unter den jeweils genannten Quellen.

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