Der Pflegebetrug und die Folgen

Fragen, die Pflegedienste und Versicherte aktuell verunsichern

Düsseldorf, 25.4.2016: Wir sprachen im Interview mit Herrn Wolfram-Arnim Candidus – dem Präsidenten der Bürger Initiative Gesundheit - über den aktuellen Pflegebetrugsskandal und die Folgen für die Branche, Patienten und Angehörigen.

Wolfram A. Candidus, Präsident Bürgerinitiative Gesundheit e.V.
Wolfram A. Candidus, Präsident Bürgerinitiative Gesundheit e.V.

Wolfram-Arnim Candidus, Präsident, Bürger Initiative Gesundheit: "Die Mitarbeiter der Pflege erbringen täglich hervorragende Leistungen für die Pflegebedürftigen. Die bestehenden Einschränkungen der Qualität der Pflege liegen in der Hauptsache an der unzureichenden Vergütung der individuellen Pflege und somit auch an der mangelhaften Vergütung der Berufsgruppe Pflege. Wir brauchen deshalb keinen Medien-Hype zur Diffamierung dieser Berufsgruppe, sondern eine Anpassung der Pflegeleistungen an die individuellen Bedürfnisse des Pflegebedürftigen mit einer die Kosten deckenden Vergütung, die es auch möglich machen muss, dass in die Ausbildung investiert werden kann und Investitionen in die Ausstattung der Einrichtungen der Pflege ermöglicht werden können"

Basiert der in den Medien behandelte Pflegebetrugsskandal in der Summe nur auf der Falschabrechnung unterqualifizierter Kräfte oder gibt es weitere Formen des Betrugs? Welche?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG): Die so genannten Falschabrechnungen entstehen zu einem großen Teil auf der Grundlage der komplizierten Regelungen für die Abrechnung von Einzelleistungen der Pflege. Andererseits auch aus Gründen der Existenzsicherung der Pflegedienste, da die Vergütungsformen der Pflegekasse sehr oft nicht die Kosten des Aufwands der Pflege abdecken. Hinzu kommen wie in allen anderen Bereichen unserer Gesellschaft vorsätzliche betrügerische Abrechnungen und dies ist nur möglich, weil die Kontrolle der Abrechnungen zu wenig von den Angehörigen der Pflegebedürftigen möglich ist.

Welche Straftatbestände könnten erfüllt sein? Mit welchen Strafen müssen betrügerische Pflegedienste rechnen?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG): Die Straftatbestände liegen in der betrügerischen Beratung der Pflegebedürftigen und Angehörigen. Ferner in der absichtlichen falschen Abrechnung von Leistungen der Pflege. Noch schlimmer aber in der Vernachlässigung der Pflegebedürftigen durch unqualifizierte Mitarbeiter oder durch den bestehenden Zeitdruck, bedingt durch die unzureichende Vergütung von qualifizierten Pflegeleistungen. Letzteres führt dann zu existentiellen Problemen für die Pflegedienste und Pflegeheime und wird mit betrügerischen Methoden kaschiert. Als Strafe sollten die Einzelpersonen oder Institutionen der Pflege ein Verbot für die Tätigkeit im Bereich der Pflege erhalten, dies wäre ein konsequenter Weg zur Vermeidung von kriminellen Machenschaften in der Pflege und eine Sicherung der Qualität der Pflege insgesamt.

Wer trägt aus Ihrer Sicht die Verantwortung?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG): Die seit Jahrzehnten anhaltende Gesundheitspolitik mit einem zu starken direkten und indirekten Einfluss der Versicherung ist die Basis für diese destruktive Entwicklung im Bereich der Pflege, aber nicht nur dort, sondern in nahezu allen Bereichen des Gesundheitswesens. Hinzu kommt die unzureichende sachliche Aufklärung der Bürger zu den Leistungen der Pflegeberufe und der Pflegeversicherung. Hinzu kommt die fortwährende Verdrängung der Fakten der Demografie und somit eine desaströse Entwicklung der Pflegeleistungen insgesamt.

Wie können die Angehörigen Missbrauch erkennen, verhindern und nachweisen?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG): Durch einen kontinuierlichen persönlichen Kontakt zu dem Pflegebedürftigen kann auch der nicht ausgebildete Angehörige feststellen, ob eine gute oder schlechte Pflegeleistung erbracht wird. Bei der Selektion des Pflegedienstes stehen dem Pflegebedürftigen und Angehörigen der behandelnde Mediziner/Therapeut zur Verfügung. Sich persönlich um die Belange des Pflegedürftigen zu kümmern, kann nicht automatisch voll delegiert werden. Lediglich die qualifizierten Aufgaben der Pflege müssen und sollten individuell von Pflegekräften durchgeführt werden. Sollte die Versorgungsqualität unzureichend sein, so muss der Angehörige in Kontakt mit der Pflegekraft treten oder mit der Institution, in der die Pflege erbracht wird. Ferner kann der Medizinische Dienst zur Prüfung der Pflegeleistungen hinzugezogen werden. Sich kümmern, heißt die Maßnahmen der individuellen Pflege zu kontrollieren und nicht einfach auf eine ganze Berufsgruppe draufdreschen, weil es schwarze Schafe gibt und diese müssen dann auch ermittelt und beseitigt werden, nicht aber durch Medienrummel sondern durch sachliche Aufklärung der Bürger und ausreichende Kontrolle.

Mit welchen grundsätzlichen Veränderungen ist im Pflegebereich zukünftig zu rechnen?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG):Was kann die Politik tun? Antwort: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird nach den uns vorliegenden Studien nationaler Institute (Prof. Fritz Beske – Kiel) im Jahr 2030 von jetzt 2,6 Millionen auf ca. 4,5 Millionen Bürger/Pflegebedürftigen ansteigen. Dazu werden ca. 1 Million qualifizierte Pflegekräfte zusätzlich benötigt. Das im Jahr 2015 verabschiedete Pflegestärkungsgesetz reicht dazu in keiner Weise aus, da die Entscheidungen nicht auf der Grundlage der qualifizierten Pflege für Pflegebedürftige erfolgt, sondern auf der Grundlage Beitragserhöhungen für alle Bürger zur Pflegeversicherung zu vermeiden oder minimal zu halten. Die Politik denkt hier seit Jahrzehnten in Wahlkampfperioden und Legislaturperioden, aber nicht an die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen, geschweige denn an die Mitarbeiter und Institutionen der Pflege. Eine weitere Gefahr besteht in der Umwandlung der sozialen Pflegeleistungen in einen Pflegewachstumsmarkt mit der Orientierung der Steigerung von exorbitanten Gewinnen einzelner Marktteilnehmer, wie Kommunen, caritative Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände. Die Pflege schliddert automatisch unter den bestehenden Rahmenbedingungen in ein Chaos. Hinzu kommt dass die Arbeitgeber als Nutznießer der Leistungen der Mitarbeiter, die unter immer stärkerer Arbeitsbelastung stehen, nicht an den Einzahlungen zur Pflegeversicherung einbezogen werden.

Wie sicher lässt sich der Skandal tatsächlich nur auf „russisch geführte Pflegedienste“ eingrenzen?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG) :Die ausufernde Vielfalt der Vorschriften für die Pflegeleistungen, die in individueller Form für einen Pflegebedürftigen erbracht werden, führen automatisch zu der Auslegung der Falschabrechnung von Pflegeleistungen oder Pflegeaufwand. Da es sich dabei nicht um die Anfertigung eines Gegenstandes wie in der Produktion handelt, sondern um individuelle und fachlich sehr unterschiedliche Zuwendungen zu einem pflegebedürftigen Menschen, kann die erbrachte Leistung positiv oder negativ beurteilt werden. Für die Pflegeversicherung ist der höhere Aufwand immer negativ, dagegen ist der höhere Pflegeaufwand jedoch in der Regel positiv zu bewerten. Dazwischen liegt die Bewertung in Richtung Falschabrechnung und Betrug. Dass wir insgesamt gezwungen sind russische Pflegekräfte oder aus anderen Nationen einzusetzen, liegt an der mangelhaften Politik der letzten 3 Jahrzehnte. Obwohl nicht nur wir, sondern auch die interessierten Politiker wussten, dass sich eine Alterspyramide aufbaut und somit der Pflegebedarf steigt, wurde die Ausbildung zur Pflege vernachlässigt und gleichzeitig die Vergütung unzureichend geregelt. Jetzt müssen Personen und Institutionen aus anderen Ländern der Welt in diese politisch zu verantwortende Lücke einspringen und dies zu Lasten der Pflegebedürftigen und Angehörigen. Auch diesbezüglich ist jedoch die pauschale medienwirksame Verunglimpfung der „russischen Pflege“ unangebracht, da dies ebenfalls einer pauschalen Verunglimpfung gleichkommt.

Wie wird die Bürger Initiative Gesundheit e.V. auf diesen Skandal reagieren?

Wolfram-Arnim Candidus (BIG): Die pauschalen Betrugsvorwürfe an die Berufsgruppe Pflege, die einseitig gesteuert sind von den Kranken- und Pflegekassen mit Unterstützung einer auf Quote ausgerichteten Gruppierung der Medien ist eine Diffamierung von ca. 700.000 Pflegemitarbeitern in stationären Einrichtungen und 320.000 Pflegemitarbeitern in ambulanten Pflegediensten, also von ca. 1 Million Bürger in Deutschland, die täglich eine qualifizierte Pflege an Pflegebedürftigen leisten und dies weitestgehend mit einer unterdurchschnittlichen Vergütung und hohen Arbeitsbelastungen. Hinzu kommen die Mitarbeiter der Pflege in den Akutkrankenhäusern deren Situation fast genauso schlecht ist wie in der Altenpflege. Die Kombination aus einseitiger Interessenverknüpfung zwischen Politik und Krankenkassen führt zur Verunglimpfung nicht nur der Berufsgruppe Pflege, sondern mittlerweile aller Berufsgruppen der Versorgung/Behandlung/Betreuung im Gesundheitswesen in Deutschland. Das Ziel der politisch veranlassten Maßnahme ist durch einen öffentlichen Druck auf diese Berufsgruppen den unmündigen Bürger einseitig zu informieren, damit der Bürger sich kritischer gegen diesen Mitarbeitern verhält. Dies führt zum Abbau der Anzahl der Mitarbeiter im Bereich der Pflege und zur Demotivation. Gleichzeitig wird die bestehende Vertrauensbasis zwischen qualifizierten Mitarbeitern dieser Berufe und den Bürgern/Versicherten/Patienten/Angehörigen zerstört. Dabei ist Misstrauen die schlechteste Grundlage für das menschliche Miteinander. Ich hätte mir einen solchen Medien-Hype bezogen auf den VW-Skandal gewünscht, obwohl es dabei nicht um die Betreuung von Menschen handelte, aber immerhin um einen internationalen Betrug der Bürger in vielfacher Milliardenhöhe.

 

Vielen Dank für das Gespräch Herr Candidus.

Kostenlose Inklusivleistungen

Kostenlose Inklusivleistungen beim DMRZ

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Dann legen Sie sich einfach einen unverbindlichen und kostenlosen Zugang beim DMRZ an für unsere Abrechnungssoftware! Sie zahlen nur dann die günstige Abrechnung zu 0,5%*, wenn Sie tatsächlich über das DMRZ mit den Krankenkassen abrechnen. Sonst nicht!


Jetzt kostenlos anmelden >

Kein Mindestumsatz • Keine Mindestvertragslaufzeit • Keine Grundgebühr

Teilen Sie diese Seite
Erst aktivieren, dann sharen. So übertragen Sie persönliche Daten nur, wenn Sie es wünschen.

Kostenlose Hotline: 0211 6355-9087 *2

Haben Sie Fragen zu unseren Angeboten oder eine Frage zur Abrechnung?

Rufen Sie an: Mo.-Fr. 8-20 Uhr,Sa. 9-16 Uhr

Rückrufwunsch Kunde? Interessent?

Besondere Rückrufwünsche:


Pflichtfelder sind mit einem roten * markiert. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass Ihre Daten zur Kontaktaufnahme gespeichert werden.
Pflichtfelder sind mit einem roten * markiert. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass der Versand des Formulars über eine unverschlüsselte Verbindung erfolgt.
Rückrufe erfolgen in der Regel mo-fr.: 9.00-17.00 Uhr
Login
© 2008-2017 DMRZ GmbH Google Sitemap ι Sitemap ι RSS ι Impressum ι AGB ι Datenschutzerklärung ι Datenschutzerklärung Krankentransport-App ι Datenschutzerklärung Pflege-App ι Suche

Einfach online abrechnen mit DMRZ Cloud Computing ι Abrechnungs-Software ohne Mindestvertragslaufzeit (rechtssicher nach §302 SGB V und §105 SGB XI) - Google - Sammy DMRZ

Pflege ι Telemedizin ι  Ärzte (Selektivverträge) ι  Heilmittel ι  Hilfsmittel ι  Krankentransport ι  Hebammen ι  Rehabilitationssport ι  Mobilitätshilfe ι  Inkontinenz ι  Verbände ι  Schulen -> DMRZ Akademie

Rechtliche Hinweise: * = Beim DMRZ bezahlen Sie nur 0,5% der Bruttoabrechnungssumme zzgl. MwSt. für die Abrechnung mit allen Kostenträgern.
** = %-Vorfinanzierung der Bruttorechnungssumme ggf. zzgl. MwSt. (Vorfinanzierungszeitraum 60 Tage, Auszahlungsquote 100% minus der jeweiligen Factoringgebühr, keine zusätzlichen Kosten), nicht inbegriffen ist die Abrechnung
*2 = Für die Hotline fallen keine extra Kosten an. Sie bezahlen nur die ortsüblichen Telefontarife. Belegerfassung
3 = "Kostenlose Software" bezeichnet die kostenlose Software-Nutzung bei kostenloser, gültiger Anmeldung für die DMRZ-Onlineplattform, Abrechnung ist kein Teil der Software. Bei der zusätzlichen Nutzung von Apps (mobile Dienste) fallen ggf. Verbindungskosten an.

Android, Google Play, Google und das Google Play-Logo sind Marken von Google Inc. Sämtliche Marken, eingetragene Warenzeichen und Produktnamen sind Eigentum des jeweiligen Inhabers. Sollten wir ein Marken- oder Warenzeichen irrtümlich benutzt oder einen Copyright-Hinweis übersehen haben, teilen Sie uns das bitte mit.